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Die Orion Stratus Okulare
An English version is available here. Im April 2005 erschien in den USA bei der Firma Orion unter dem Namen “Stratus” eine neue Weitwinkel-Okularreihe. Ab Juni 2005 wurden diese Okulare auch in Deutschland erhältlich und ich hatte das Glück, mit einer der ersten Lieferungen vom Teleskop Service Ransburg vier Testexemplare zu erhalten.
Die Stratus Okulare werden zusammen mit einem Ledersäckchen als Schutzbehälter geliefert. Für Okulare ist dies eigentlich ein Novum, aber es kommt all jenen zu gute, die ihre Okulare zum Beispiel in einer Fototasche transportieren. Zur Beobachtung allerdings wird man die Okulare wohl kaum umständlich aus dem Beutel herausziehen oder wieder hineinstecken wollen. Der erste Blick zeigt ein ansprechendes Äusseres, der zweite Blick allerdings ein paar “Wasserflecken” auf den eloxierten Teilen. Diese “Wasserflecken” könnten tatsächlich welche gewesen sein, denn nach kurzem Gebrauch der Okulare war von den Flecken nichts mehr zu sehen. Die Brennweite ist angenehm dick aufgedruckt, leider aber auch die ähnlich große Angabe des scheinbaren Gesichtsfeldes. Was dieser “Marketinggedanke” zur Folge hat ist, daß man im dunklen eine Menge 68mm Okulare findet, weil irgendwie diese Zahl zuerst ins Auge fällt.
Das Okular selbst liegt durch seine griffige Armierung aus weichem Silikon gut in der Hand. Auch die Augenmuschel ist aus diesem weichen Silikongummi, welches ich persönlich angenehmer am Auge empfinde, als die meist härteren Gummimuscheln anderer Hersteller. Die Augenmuschel ist umklappbar, was das Okular voll Brillenträgertauglich macht. Eine tiefe Sicherungsnut ist in der Steckhülse eingelassen, für mein empfinden aber ist diese Nut zu tief und stört ziemlich beim herausziehen des Okulares. Das Vorbild LVW kommt mit einer viel flacheren Sicherungsnut aus und ist so viel besser zu handhaben. Womit schon der fällige Vergleich mit den LVW beginnen kann. Wie schon die LVW sind auch die Stratus in einer 2” Klemmung verwendbar. 13mm Stratus und 13mm LVW sind fast exakt gleich groß. Auf den ersten Blick scheint die Augenlinse beim LVW deutlich kleiner als beim Stratus. Ein beherzter Griff an die Augenmuschel offenbart aber, daß beim LVW nur deren etwas andere Form den Eindruck entstehen lässt. Ein leichter Unterschied ist aber meßbar, das Stratus hat eine 3mm größere Augenlinse. Während beim 13mm LVW von den Linsenkanten nichts zu sehen ist, fallen sie beim 13mm Stratus schimmernd ins Auge. Sie sind allenfalls leicht und halbherzig geschwärzt. Ausserdem zeigt sich am Rand der Augenlinse des Stratus ein dünner, schimmernder Ring wo die Vergütung endet.
Der Blick von unten ins Okular zeigt dann die bessere Verarbeitung der LVW ganz deutlich. Während beim LVW Steckhülse, Filtergewinde und die Linsenfassung ordentlich matt geschwärzt sind, findet man bei den Stratus schwarz glänzenden Kunststoff und einen nicht besonder matten Lack an der Innenseite der Steckhülse. Nachdem die Stratus sich also in vielen Punkten mit den LVW vergleichen lassen, ist der Eindruck, daß es sich dabei um einen chinesischen Klon des LVW-Designs handelt kaum noch von der Hand zu weisen. Lediglich das 21mm fällt etwas aus dem Rahmen und ist neben dem Brennweitenunterschied deutlich größer, als das 22mm LVW. Wie weit man hier bei der Kopie des LVW-Designs gegangen ist, zeigt sich schön anhand zweier Fotos von LVW 13mm und Stratus 13mm. Das Foto war zunächst zum Vergleich der Tubus-Innenschwärzung gedacht. Um hier einen fairen Vergleich zu haben, wurden bei einem zweiten Bild die Okularpositionen genau vertauscht. Das Ergebnis war erstaunlich, denn die beiden Bilder zeigten, daß die beiden Okulare bis auf die Vergütungsfarben identische Reflexe der zur Beleuchtung benutzten Neonröhre zeigten. Die Linsenradien und -positionen sind also bei beiden Okularen praktisch gleich. Unterschiede könnten höchstens bei den gewählten Glassorten vorliegen. Die unterschiedliche Angabe des scheinbaren Gesichtsfeldes scheint wohl auf einem Rechentrick zu beruhen. Der Vergleich von LVW 13 an einem Auge und Stratus 13 am anderen zeigte ein gleich grosses scheinbares Gesichtsfeld. Man kann also in diesem Fall zurecht von einem Clon, einem abgekupferten Design sprechen. Wie gut hier die Stratus im Vergleich zum Original abschneiden, musste sich natürlich erstmal am Himmel zeigen.
Beobachtung Die erste Beobachtung mit den neuen Stratus-Okularen fand in einer warmen Sommernacht am 12” f/4 TS-Newton statt. Der vom R200SS (8” f/4) übernommene Komakorrektor war ebenfalls eingesetzt. Beobachtungsziele waren die beiden Kugelsternhaufen M3 und M13 die sich recht gut für einen Vergleich eigneten, weil sie durch Vergleich der Randsterne auf Transmission und Kontrast und durch Vergleich der Zentrums-Auflösung auf die Schärfe auf der Achse schliessen lassen. Der erste Vergleich galt den etwas ungleichen Kandidaten Stratus 21mm und LVW 22mm. Hier ist dem Stratus zunächst mal eine gute Abbildungsqualität zu bescheinigen. Feine Sternpünktchen auf der Achse und ein angenehmes Einblickverhalten und eine gute Randabbildung. Der Vergleich mit dem LVW zeigt aber, daß das “Original” die Sterne am Rand deutlich kleiner Abbildet, als das Stratus. Ganz am Rand haben die Sterne im Stratus etwa den zwei- bis dreifachen Durchmesser als im LVW. Das leichte aufblasen der Sterne fällt beim Stratus auch schon deutlich weiter innen im Feld auf, als es beim LVW der Fall ist. Die Transmission beider Okulare schien aber vergleichbar, zumindest waren in keinem Okular sterne zu erkennen, die das andere nicht zeigte. Die Sternabbildung auf der Achse war bei beiden Okularen prima, allerdings war ein Vergleich kaum anzustellen, weil bei 54x (LVW) bzw. 57x (Stratus) M3 im Zentrum noch nicht aufzulösen und M13 gerade an der Grenze für erkennbare Einzelsterne im Zentrum ist. Das Stratus zeigte hier also einen aufgelösten M13 etwas einfacher erkennbar, aber auch etwas stärker vergrößert, was im direkten Vergleich bemerkbar war. Die Fokallage der beiden Kontrahenden war übrigens nur ganz leicht unterschiedlich.
Stratus 13mm und LVW 13mm liessen sich aber ungehindert solcher Kleinigkeiten vergleichen. Bezüglich der Randabbildung gab es hier ein ähnliches Bild, wobei aber der Vorteil des LVW hier schon wesentlich geringer ausfiel. Auf der Achse schien das LVW eine etwas bessere Transmission zu haben, denn die helleren Sterne im Zentrum der Kugelsternhaufen hoben sich besser ab. Ansonsten zeigten sich praktisch keine Unterschiede. Die Fokallage war hier doch ein klein wenig unterschiedlich, im Bereich von etwa 1mm Fokussierweg bei f/4.
Fazit Die Stratus-Okulare sind praktisch von den Chinesen frech geclonte LVW, die aber zwischen 100 und 150 Euro billiger angeboten werden. Unterschiede finden sich auf jeden Fall in der Verarbeitung. Was die optische Leistung angeht, so sind die Stratus mit längerer Brennweite ihren Vorbildern leicht unterlegen. Ungeachtet dessen sind aber alle Stratus, vor allem zu diesem Preis, uneingeschränkt und vor allem auch für die empfindlichen Teleskope mit f/4 oder f/5 zu empfehlen. Die Performance von 3,5mm Stratus und 5mm Stratus ist sogar so gut, daß es Vixen schwerfallen dürfte, den deutlichen Preisunterschied dem Kunden gegenüber zu rechtfertigen. Allerdings muß man auch den “moralischen Zeigefinger” erheben, denn Orion und der chinesische Hersteller verdienen Geld mit der Arbeit anderer, die sich vor Jahren die Mühe machten, das LVW-Okulardesign zu schaffen. Die LVW sind aber derweil schon länger als 10 Jahre erfolgreich am Markt, so daß sie ihren Entwicklungsaufwand eingespielt haben dürften.
der sollte ab jetzt auch über die Vor- und Nachteile eines Stratus nachdenken. Interessant wird auch die Einführung der Baader Hyperion sein, falls diese mit einer besseren Vergütung wirklich neue Maßstäbe setzen können. Nachtrag 11.9.2005: | ||||||||||||