| Teleskopwerbung Ein etwas ungewöhnliches Testobjekt, aber sicher hochinteressant ist die Betrachtung einer Werbeaktion. Die unten abgebildete Werbeanzeige empfing ein Sternfreund per Fax. Da derlei "Gerätebeschreibungen" inzwischen nicht nur per Fax versandt werden, sondern auch bei Online-Auktionen überaus häufig auftreten, hielt ich es für sinnvoll, diese Aussagen aus meiner Sicht zu hinterfragen. Ich denke, dass der Leser auch für Sonderaktionen in Kaufhausprospekten daraus gewisse Lehren ziehen kann.
Angeboten wird ein "superstarkes" Raumfahrt-Teleskop. "Superstark" wir durch das -Symbol als geschützte Handelsmarke bezeichnet, was mir für ein derart gebräuchliches Wort sehr fragwürdig scheint. Als Herkunft des Gerätes werden "Internationale Raumfahrt Depots" genannt. Es wird damit suggeriert, dass dieses Teleskop aus Beständen zur Verwendung bei Raumfahrtmissionen stammt. Man kann sich allerdings leicht vorstellen, dass die internationale Raumfahrt ihre Teleskope wohl kaum in Stückzahlen von einigen hundert lagern würde. Wer das abgebildete Teleskop mit Geräten in den Foto-Abteilungen der Kaufhäuser vergleicht, wird auch leicht feststellen, dass es sich um einen handelsüblichen Gerätetyp handelt. Ein solches Gerät würde bei Raumfahrtmissionen keine Verwendung finden. Wirklich wichtig für den Kunden sind allerdings die technischen Daten des Teleskops. Für die Optik an sich werden 600mm Brennweite angegeben, alle anderen Angaben beziehen sich auf Zubehör und Stativ. Damit fehlt die Angabe des wichtigsten Kriteriums eines Teleskops, nämlich der Linsendurchmesser. Der Linsendurchmesser ist verantwortlich für das Lichtsammelvermögen und die daraus resultierende Auflösung also Bildschärfe und Bildhelligkeit. Je schärfer das Bild, desto stärker kann man auch vergrößern. Üblicherweise gibt man als maximalen Vergrößerungswert das Doppelte des Linsendurchmessers in Millimetern an. In unserem Beispiel wird mit einer Vergrößerung von 300-fach geworben - dies ließe auf einen Linsendurchmesser von 150mm Millimetern schließen - das abgebildete Teleskop aber hat einen Linsendurchmesser von etwa 50mm, was man gut anhand der Größe von Sucher und Okularauszug erkennen kann. Warum aber kann dieses Gerät nun mit einer Vergrößerung von 300-fach beworben werden? Schlicht und ergreifend deshalb, weil mit dem beigelegten Zubehör diese Vergrößerung erzielt werden kann - auch wenn das so erzielte Bild nicht mehr scharf ist. Somit sind wir beim Zubehör angelangt. Okulare von 6 bis 20 Millimeter Brennweite gehören zum Paket dazu. Teilt man die Teleskopbrennweite (600mm) durch die Brennweite des verwendeten Okulars (z.B. 20mm), so erhält man die erzielte Vergrößerung (hier also 30-fach). Die Vergrößerungsangaben in der Werbung lassen also auf 3 Okulare mit 20, 10 und 6mm Brennweite schließen. Hinzu kommt die sogenannte Barlow-Linse, mit der man die Brennweite des Teleskops auf scheinbare 600 x 3 = 1800mm verlängert. In der Praxis kann man also für jedes Okular die Vergrößerung um den Faktor 3 steigern. Es stünden also die Vergrößerungen 100 und 300, 60 und 180 sowie 30 und 90 zur Verfügung. Hält man sich an die tausendfach bestätigte Faustregel der Amateurastronomie, maximal auf das 2-fache der Teleskopöffnung zu vergrößern, so sind leider nur die Vergrößerungen 30, 60, 90 und 100 sinnvoll einsetzbar, während sich bei 180 und 300 das Bild als ziemlich unscharf erweisen wird - die meisten Einsteiger machen die Erfahrung, dass man einige Minuten hin- und herfokussiert und nie richtig den Schärfepunkt zu finden glaubt. Die "Mineral-Qualität", die wohl auf die Okulare selbst und nicht auf deren Brennweite zu beziehen ist, ist jedenfalls ein "völlig neues", vielmehr frei erfundenes Qualitätskriterium. In jedem Fall sind die Gläser der Okulare nicht natürlich entstanden und somit keine Minerale - aus Mineralen hergestellt ist hingegen auch einfaches Flaschenglas. Immerhin sind bei handelsüblichen Teleskopen dieser Größe (50mm) üblicherweise Okulare aus Plastik mit Plastiklinsen beigelegt. Glaslinsen finden sich eher selten. Über die tatsächliche optische Okularkonstruktion wird kein Wort verloren. Üblich sind hier die Konstruktionen nach Huygens (um 1670) und Ramsden, die sich auf den Okularen durch die Kürzel "H" und "SR" in der Okularbeschriftung finden. Diese Okularkonstruktionen sind an sich, trotz ihres Alters in Ordnung und lassen interessante Beobachtungen zu - solange Glaslinsen verwendet wurden. Die allermeisten Amateurastronomen wünschen aber mindestens Kellner oder Ortho-Okulare. Auch über eine Vergütung von Teleskoplinse und Okularen schweigt das Angebot - dabei findet sich eine einfache Blauvergütung selbst auf billigsten Mini-Feldstechern für ca. 15 Euro. Der "Professionelle teleskopische Fuß" und die "Präzise Befestigung im Azimut" beschreiben das, was der Amateurastronom als Montierung bezeichnet. Gemeint ist in diesem Falle ein Dreibein-Stativ mit ausziehbaren Beinen und eine azimutale Teleskopmontierung. Das Stativ ist oft aus Holz, seltener aus Aluminium. Eine azimutale Montierung kann um ihre eigene Achse gedreht werden, um das Teleskop in die verschiedenen Himmelsrichtungen zu schwenken, man sagt in Azimutrichtung. Das Teleskop lässt sich dann mit einer weiteren Achse in die gewünschte Höhe schwenken - leider aber ist eine Beobachtung direkt im Zenit bei einigen Konstruktionen nicht möglich, weil das Teleskop kurz vorher anschlägt. Im Grunde entspricht also die azimutale Montierung einem Fotostativ. Allein schon durch zu dünne Stativbeine, in der Abbildung gut erkennbar, werden diese sehr preisgünstigen Montierungen sehr instabil. Spiel, besonders in der Höhen-Achse, wirkt sich ebenfalls aus. Das Teleskop beginnt zu wackeln und zu schwingen. Es wird dann sehr schwer, ein Bild scharfzustellen. Sobald der Beobachter die Fokussierräder berührt, schwingt das Teleskop und die Schwingungen werden ja bei diesem Modell 30 bis 100 mal vergrößert. Das Bild tanzt und der Schärfepunkt lässt sich nur erahnen. Hat man dann einen Schärfepunkt gefunden, so dauert es mindestens 4 Sekunden, ehe die Schwingungen abgeklungen sind - dann erst kann man ordentlich beobachten. Leider aber wandert ein Objekt am Himmekl bei 100-facher Vergrößerung innerhalb etwa 20-30 Sekunden durch das Gesichtsfeld des Okulars - dann muss das Teleskop nachgeschwenkt werden. Man kann also zwischen 10 und 20 Sekunden lang das Objekt betrachten, wobei es sich durch das Gesichtsfeld bewegt, dann muß man wieder das Teleskop berühren. Hinzu kommt, dass der Schärfepunkt am Rand ein anderer ist, als in der Mitte. Das Beobachtungsobjekt bewegt sich also nur etwa 5-10 Sekunden in einem Bereich, der absolut scharf ist. Dies ist der Hauptgrund, weshalb viele Käufer solcher Sonderangebote die Lust an der Beobachtung und damit am Hobby Astronomie verlieren. Die Beobachtung soll also bequem sein. Unerlässlich für die astronomische Beobachtung mit einem Linsenfernrohr ist deshalb ein Zenitprisma - hier als Winkelprisma bezeichnet. Normalerweise werden 90°-Prismen oder Spiegel verwandt, in der Abbildung ist auch ein 90° Prisma im Teleskop eingesetzt, beim abgebildeten Zubehör liegt aber tatsächlich ein 45°-Prisma. Ein 45°-Prisma wäre für Erdbeobachtung bequem: Das Teleskop schaut waagerecht zum Horizont und man hat einen bequemen, schrägen Einblick. Bei astronomischer Beobachtung ist das Teleskop zum Himmel gerichtet - im Extremfall senkrecht nach oben. Ohne ein Prisma müsste der Beobachter sich unter das Teleskop legen. Mit einem 45° Prisma könnte man sich vorstellen, unter dem Teleskop zu knien - wenn das Stativ hoch genug ist. Ein 90° Prisma bietet in dieser Lage einen seitlichen Einblick, so dass mit einem niedrigen Hocker noch im Sitzen beobachtet werden kann. Als weitere erstaunliche Eigenschaft des 45° Winkelprismas wird seine "hohe Auflösung" genannt. Nun habe ich bereits ausgeführt, und darf mich dabei auf Optiker und Physiker bis hin zu Sir Isaac Newton stützen, dass die Auflösung eines Teleskops durch dessen Öffnungsdurchmesser bestimmt wird. Jedes weitere optische Element, also ein Okular, eine Barlow-Linse und auch ein Prisma kann diese Auflösung nur noch verschlechtern, wenn die Linsen oder Glasflächen nicht ordentlich poliert sind. Als Faustregel für die Güte einer optischen Oberfläche gilt, dass Unebenheiten nur einen kleinen Bruchteil der Wellenlänge betragen dürfen - gelbgrünes Licht hat eine Wellenlänge von 540 Nanometer, also 0,000540 Millimeter. Unebenheiten auf einer optischen Fläche sollten deutlich kleiner sein - man kann sich nun vorstellen, dass die Qualität einer Linse keinesfalls durch Betrachtung mit dem bloßen Auge erkennbar ist. Man kann sich ebenfalls vorstellen, dass unsere Fenster diesen Anforderungen nicht standhalten - allzu oft sieht man in Fenstern noch leichte Wellen, die den Ausblick "verzerren", wenn man den Kopf bewegt. Diese Verzerrungen werden natürlich noch viel schlimmer, wenn man mit 100-facher Vergrößerung durch die Scheibe blickt - das schlimmste, was uns diese Werbung also versprechen kann, ist mit dem Teleskop durch die Fensterscheibe zu beobachten. Aber auch ein offenes Fenster sollte gemieden werden - ist es Draußen kalt, so kann man gut das Flimmern der warmen Zimmerluft erkennen, wenn diese in die Nachtkühle entweicht. Auch dieses Flimmern und Wabern verleidet die Beobachtung am Fenster. Stellt man sich allerdings mit dem Teleskop auf Terrasse, Garten oder Gehweg, so lässt es tatsächlich faszinierende Beobachtungen zu. Mondkrater und Gebirge erscheinen zum Greifen nah. Unser Nachbarplanet Venus zeigt sich je nach Stellung zur Sonne als Sichel, die im Laufe von Wochen zu einer fast voll beleuchteten Planetenscheibe wächst, ehe Venus in Sonnennähe unbeobachtbar wird. In den seltenen Tagen der Merkur-Sichtbarkeit, zeigt dieser sich als ein kleiner "Halbmond". Leider zeigen sich mit diesem Gerät keine Marskanäle - allenfalls lassen sich auf der orangeroten Oberfläche einige dunkle Flecken erkennen. Überhaupt sind die Marskanäle eine Art optische Täuschung aus vergangenen Zeiten, moderne Marsphotos zeigen ein ganz anderes Bild. Die Atmosphäre der Venus zeigt leider auch nur eine einfarbig weiße Wolkendecke, ohne dass irgendwelche Details sichtbar wären. Die Auflösung des Teleskops reicht nicht aus, um die Lücke zwischen den beiden Hauptringen des Saturn zu erkennen - sie schmelzen zu einem Ring zusammen, der den Beobachter aber dennoch faszinieren wird. Auch der größte Saturnmond, Titan, wird erkennbar sein. Jupiter wird sich mit zwei Wolkenbändern und umgeben von den 4 großen, gallileischen Monden zeigen. Da der berühmte, große rote Fleck im letzten Jahrzehnt immer blasser geworden ist, wird er nicht zu beobachten sein. Die versprochenen Asteroiden lassen sich, wenn man denn einen findet, auch mit den größten Amateurteleskopen nur als ein Stern unter vielen erkennen. Nur wer regelmäßig beobachtet wird im Verlauf von Stunden oder Tagen erkennen, wie sich der scheinbare Stern zwischen den echten Sternen weiterbewegt. Um Meteore zu beobachten bedarf es dem Zufall - ist ein Meteor doch nichts anderes, als eine Sternschnuppe. Es müsste zufällig eine solche durch das Bild fliegen. Auch Kometen lassen sich von Zeit zu Zeit beobachten, allerdings keinesfalls durch den Sucher, sondern besser durch das Hauptinstrument. Wer Galaxien beobachten will, wird ebenfalls enttäuscht sein, lassen sich doch mit diesem Instrument in unserem Breiten nur bei der Andromedagalaxie die Spiralarme erkennen - und auch nur dann, wenn man weit ab der nächsten Stadt ist, zum Beispiel auf den Bergen der Eiffel oder im Bayerischen Wald. Üblicherweise zeigen sich Galaxien nur als ein kleines, schwaches Wölkchen, dem Kern der Galaxis, während die Spiralarme und Sternwolken zu schwach sind. Weit prachtvollere Objekte sind hingegen die Sternwolken unserer Milchstrasse und die vielen offenen Sternhaufen wie H und Chi zwischen den Sternbildern Perseus und Cassiopeia. Auch einige Nebel lassen sich beobachten, zum Beispiel der Grosse Orionnebel im sogenannten Schwertgehänge des bekannten Sternbildes Orion. Für die irdische Beobachtung ist das Gerät gut geeignet. Allerdings - schon mit einem Feldstecher ist es schwer, ein Flugzeug zu verfolgen, mit diesem Instrument hingegen so gut wie unmöglich. Ein Kreuzfahrtschiff in 40km Entfernung zu beobachten - dazu muss man wissen, dass ein Leuchtturm, wie der bekannte Westerheversand sein Leuchtfeuer 41m hoch trägt und deshalb etwa 39km weit sichtbar ist - sonst verschwindet der Leuchtturm wegen der Erdkrümmung hinter dem Horizont. Wer soweit schauen möchte, der müsste sich schon auf den Balkon eines Hochhauses begeben.
Fazit: Das angebotene Teleskop ermöglicht durchaus viele interessante Beobachtungen. Auch der Preis muss derzeit als normal angesehen werden. Die Werbung für das Gerät verspricht allerdings Beobachtungsmöglichkeiten, die allein schon die physikalischen Grenzen des Gerätes übersteigen. Die rein konstruktionsbedingt zu erwartende Qualität des Zubehörs schränkt dies weiter ein. Wer sich einige Zeit mit Astronomie beschäftigt, wird diese Werbung eher als Scherz ansehen. Der Schluss liegt nahe, dass der Verkäufer mit Astronomie und Optik keine Erfahrung hat - obwohl die Geräte ja angeblich aus den Internationalen Raumfahrt Depots stammen. Wer hingegen den Markt für Teleskope und Zubehör einige Zeit beobachtet hat, wird sich bald meiner Meinung anschließen, dass es sich bei dem beworbenen Gerät um ein handelsübliches Teleskop chinesischer Fertigung handelt, welches zu keinem Zeitpunkt für irgendeine Raumfahrtmission eingeplant wurde. Ein gewisses Astronomie-Erlebnis bietet das Teleskop dennoch, es ist aber zu erwarten, dass der wirklich interessierte Hobbyastronom sehr bald ein wesentlich professionelleres Gerät zu erwerben wünscht. Als Einsteigerteleskope werden schon seit den 80er Jahren Teleskope mit mindestens 60mm Öffnung empfohlen - heute Allerdings hat das typische Einsteigerteleskop eher 80-100mm Linsendurchmesser, oder einen 114mm Spiegel. Ganz ähnlichen Unsinn gibt’s auch bei Ebay zu kaufen, wie ein Beispiel zeigt. Auch die Deepsky-Brothers beschäftigen sich mit dem Thema Werbung.
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