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Astronomie in der Stadt
über Möglichkeiten, Hilfsmittel und Objekte

Viele Hobbyastronomen wählen sich ihren Wohnort sorgfältig aus, um nahe von zu Hause gute Beobachtungsbedingungen zu haben. Die große Mehrheit jedoch muß aus den verschiedensten Gründen in den Städten, ja inmitten von Ballungsgebieten ihr Quartier aufschlagen. Da klare Nächte nicht nach dem persönlichen Terminkalender erscheinen, reicht allzu oft die Zeit nicht für eine Fahrt aufs Land. Manche nicht optimale Nacht lohnt erst gar nicht den Aufwand. Wer solche Gegebenheiten dennoch zur Beobachtung nutzen will, die hierzulande ja selten genug möglich ist, findet sich alsbald auf Balkon oder Terrasse in streulichtverseuchter Umgebung.

Beispiel eines Balkonhimmels
“lokaler Horizont” (m)eines Balkons - erstellt mit Cartes du Ciel

Während Terasse oder Garten dem Beobachter noch recht viele Freiheiten bieten, ist der Himmel des Balkonbeobachters naturgemäß stark eingeschränkt. Die Hauswand im Rücken macht zumeist schon fast 50% des Himmels unbeobachtbar, ein darüberliegender Balkon nimmt nochmal 20-30% Beobachtungsfläche. Da balkonbehaftete Häuser auch selten allein stehen, ist mit weiteren Einschränkungen zu rechnen. Ein Glück ist es, daß die meisten Balkone nach Süden orientiert sind und in dieser Richtung gute Beobachtungsmöglichkeiten bieten. Um unter diesen Bedingungen die Beobachtung in den Griff zu kriegen, empfielt es sich, ein Programm wie Cartes du Ciel zu nutzen und den Kartenausschnitt mit einem lokalen Horizont zu versehen (siehe Bild).
Nun lässt sich die Beobachtung etwas besser einteilen, mit Hilfe des Programms kann man die Objektsuche auf den relevanten Himmelsbereich beschränken. Die Beobachtungszeiten für bestimmte Objekte lassen sich vorherbestimmen.

Streulicht - was tun?
Der Balkonastronom hat mit zweierlei Streulicht zu kämpfen. Einmal das allgemeine Streulicht seiner Umgebung, zum anderen “Punktquellen” wie Straßenlaternen. Allzu oft sehe ich mich im Traum bei einem 120m entfernen Haus anklingeln, dessen Rolläden des Nachts heruntergelassen sind damit die 100W Energiesparlampe ungestört den Garten und auch meinen Balkon so hell erleuchtet, daß der dunkeladaptierte Mensch dort lesen kann. Weitere Störquellen sind Katzen, die mit vorliebe die installierten IR-Sensoren von 500W Anti-Einbrecher-Strahlern auslösen. Gegen diese Punktquellen kann der Hobbyastronom sich wehren. Wer einen guten Kontakt zum Nachbarn pflegt, kann sich durch freundliche Gespräche sicher mehr Vorteile verschaffen, als durch Klagen. Eine Methode, todsicher und dabei billiger als 3 Monate Rechtsschutzversicherung, ist ein schwarzes Satin-Tuch. 
Der Stoff lässt sich für unter 5 Euro als Meterware beschaffen, 1,5x1,5m reichen. Da der Stoff nicht fusselt, ist der Umgang mit Optik recht Problemlos. Es erfordert ein wenig Geschick, das Tuch derart über den Kopf zu stülpen, daß die Teleskopöffnung frei bleibt, das Okular nicht vom eigenen Atem beschlägt und das Tuch nicht herunterrutscht. Oft hilft nur Luft anhalten! Der Gewinn bei der Beobachtung schwacher Objekte ist aber nicht zu unterschätzen, die Dunkeladaption wird besser.
Gegen das regionale Streulicht kann man sich zwar nicht wehren, man kann es aber “ausblenden”. Nebelfilter können je nach Objekttyp die Beobachtung ungeheuer erleichtern. Zumindest ein breitbandiger Nebelfilter sollte im Sortiment des Balkonbeobachters nicht fehlen. Typische Breitband-Filter sind: Lumikon DeepSky, Meade Breitband Nebelfilter, Celestron LPR (Light Pollution Reducer) oder Sirius/Antares LPB (Light Pollution Blocker). Je nach Lichtstärke des verwendeten Teleskops macht auch ein UHC oder sogar ein OIII-Filter Sinn.
Diese Filter wirken bei Emissionsnebeln erstaunlich gut, die breitbandigen wirken auch eingeschränkt bei Reflektionsnebeln. Für Sternhaufen und Galaxien sind sie aber nicht zu empfehlen. Hier kann man lediglich “Kosmetik” betreiben, indem man den hellgrauen Himmelshintergrund mit dem recht günstigen Skyglow-Filter angenehm dunkelblau färbt. Ein Gewinn bei den Beobachtungsobjekten bleibt aber aus.

Balkonseeing

Planeten und Mondbeobachtung vom Balkon aus wird wenig durch das Streulicht beeinflusst. Damit aber die Luft ruhig genug für hohe Vergrößerungen ist, gilt es natürlich, alle Fenster und Türen in Balkonnähe zu schließen. Gegen aufsteigende Wärme in der Umgebung ist man aber weiterhin machtlos. Besonders verdächtig ist, wenn bei einem bestimmten Hausdach in der Strasse der Schnee immer viel früher als anderswo abtaut.
Auch eine am Tag erwärmte Balkonplatte oder Terasse ist natürlich eine Quelle störender Wärmeströmungen. Kaltes Wasser hilft hier Wunder. Nach Sonnenuntergang die Terrasse mit dem Gartenschlauch besprühen (die muß sowieso mal gesäubert werden) oder den Balkon mit der Gießkanne besprengen - vorsicht, nicht die Nachbarn weiter unten gegen sich aufbringen, eine Balkonplatte stört nicht so sehr wie ein Nachtgrillen darunter.

Weitere Einschränkungen

Unangenehm wird es, wenn fotografische Aktivitäten geplant sind, aber der Polarstern verdeckt ist. Hier hilft nur Scheinern und gegebenenfalls eine fest installierte Montierung. Schon bei der Webcam-Fotografie von Mond und Planeten sollte die Einnordung für Serienaufnahmen stimmen.
Die Enge auf manchen Balkonen kann einem schon zu schaffen machen. Hier hat (man höre und staune!) ein Newton tatsächlich Vorteile, da durch drehen des Tubus um seine Achse das Okular in eine günstige Beobachtungsposition gebracht werden kann. Noch besser geht es mit den  kompakten Cassegrain-Varianten. Ein 10 Zoll Schmidt-Cassegrain macht auf einem Durchschnittsbalkon kaum Probleme, wenn die Montierung nur Platz findet.
Eine Säule, deren Füße auf markierten Punkten stehen, oder gar im Boden verschraubt sind, kann sehr platzsparend sein und das Scheinern erleichtern.

Mit all diesen Gegebenheiten kann man sich arrangieren. Wer nach einer Woche ohne Sterne bereits Entzug verspürt, wird es wohl sogar müssen. Immerhin gibt es ja auch Vorteile, 20 Minuten nach Beobachtungsende kann man schon im warmen und tiefsten Schlummer liegen, die Teeküche ist nahe und oft bringt ein Mitleid erfüllter Partner heissen Tee vorbei. (Tür zu! Seeing!)

Beobachtungen

Wer in der Stadt Balkonastronomie betreibt, könnte vielleicht eine Statistik über Zunahme von Gardinen und Jalousetten in seiner näheren Umgebung führen. Man kann sich die Zeit aber durchaus anders Vertreiben.

Mond und Planeten, tagsüber natürlich auch die Sonne (mit entsprechendem
Filter) bieten gute Beobachtungsziele.
Visuell ist das Seeing  an vielen Abenden durchaus brauchbar, fotografisch gibt es natürlich Einschränkungen.  Streulicht stört den Planetenfreund so gut wie gar nicht. Die grossen Gasplaneten bieten abwechslungsreiche Anblicke. Jupiter lockt mit verschiedenen Wolkenstrukturen, dem Grossen Roten Fleck, Mondverfinsterungen und Schattendurchgängen. Saturn bietet neben Bauchbinde und Cassini-Teilung ein gutes Beobachtungstraining, indem man versucht, möglichst viele seiner Monde zu erkennen. Nahe des hellen Planeten fällt das nicht immer leicht.
Venus bietet sich an, die veränderung der Phase im verlauf einiger Wochen zu verfolgen und wer gute Horizontsicht nach Westen oder Osten hat, kann sich Abends bzw. Morgens als Merkurjäger versuchen.

DeepSky - ja, geht das denn?
Ja, das geht. Es geht sogar ziemlich gut. Das Streulicht stört natürlich, aber man kann sich ja wehren.

Emissions Nebel

M42/M43 Orionnebel
Das Paradeobjekt lässt sich auch ohne Filter beobachten. Mit einem Breitband-Filter wird der Himmelshintergrund dunkel genug, um den Nebel in seiner ganzen Pracht zu zeigen. Der OIII-Filter verstärkt Strukturen der zentralen Dunkelwolke, der H-Beta Filter verstärkt sehr schön M43 und eine Struktur im “Flügel”.

M42 bei Streulicht
M42 mit OIII-Filter
M42  im 8-Zöller bei Stadtlicht: oben ungefiltert, links Breitbandfilter, mitte OIII-Filter, rechts H-Beta-Filter, Rekonstruktion des visuellen Eindrucks

M1 Krabben-Nebel
Bei schwacher Vergrößerung ist er auch gerade eben ohne Filter zu erkennen. Der Breitband-Filter erzielt den grössten Gewinn, UHC und OIII machen den Nebel nicht deutlicher. Ab 10 Zoll Öffnung werden UHC und OIII aber dennoch interessant.

M27 Hantel-Nebel
Ohne Filter gut zu beobachten. Alle Nebelfilter bringen Gewinn.

M76 kleiner Hantelnebel
Ohne Filter nicht zu finden, auch mit Breitband Filter noch schwierig. Mit OIII oder UHC wird er gut auffindbar. Ist er erstmal gefunden, lohnt sich bei hoher Vergrößerung auch ein Blick ohne Filter.

NGC 2392 Eskimo-Nebel
Ein heller Planetarischer Nebel. Ohne Filter gut zu beobachten, erscheint bei 30 facher Vergrößerung fast noch als Stern. Mit OIII-Filter geht der Zentralstern in der Helligkeit des Zentrums unter.

PN-Spektren
Emissionsnebel leuchten auf diskreten Linien

M57 Ringnebel
schwierig bei kleiner Öffnung. Sobald die Ringstruktur sichtbar wird, wird das Bild zu dunkel. Bei mehr als 5 Zoll Öffnung machen Filter Sinn.

Lagunen Nebel
in den horizontnahen Dunstschichten wirkt das Streulicht besonders störend, daher ist dieser eigentlich helle Nebel wie auch der benachbarte Trifid-Nebel nur sehr schlecht zu beobachten.

M78 Reflektionsnebel
im Orion, nur bei klaren Nächten und nur mit Breitband-Filter.

Sternhaufen
lassen sich ganz gut beobachten. Der Skyglow Filter macht die Himmelsfarbe angenehmer, ohne daß Sterne verschwinden wie bei den anderen Filtern. Es gibt eine riesige Auswahl, die sich nicht nur auf Messier-Objekte beschränkt.

m42_1_balkonm42_1_skyglow
Links ungefiltert, rechts Skyglow - nur Kosmetik, aber der Anblick ist ästhetischer

H und Chi Persei
der wunderbare Doppelsternhaufen. Da die meisten Sterne recht hell sind, kann man mit einem Breitband-Filter einen wunderbar schwarzen Himmelshintergrund schaffen und verliert kaum Sterne. Der Anblick ist dann prachtvoll.

M45 Plejaden
Wenn sie im Zenit stehen bekommt man mit dem Breitbandfilter die Chance, die hellsten Bereiche der Reflektionsnebel zu sehen.

M35 Zwillinge
Die schwachen Sterne gehen leicht im Streulicht unter. Bei höherer Vergrößerung wird dies besser. Ein eng benachbarter, kleiner offener Sternhaufen lässt sich als Nebelfleck erkennen, in klaren Nächten ab 8 Zoll Öfnnung auflösen.

M36, M37, M38 Fuhrmann
Die Dreierkette, M37 der anspruchvollste aber vielleicht auch schönste mit seinen recht schwachen Sternen deren Helligkeit sich aber kaum unterscheidet. M38 hat einen kleinen Nachbarn NGC 1907 der wie ein Wölkchen wirkt und bei hoher Vergrößerung ab 6-8 Zoll Öffnung drei bis fünf aufgelöste Sternchen zeigt.

Kugelsternhaufen
lassen sich auch sehr schön beobachten, wegen der schwachen Sterne ist allenfalls der Skyglow als “Kosmetikfilter” einsetzbar.

M13, M3, M15, M92... Die Beobachtungsmöglichkeiten unterscheiden sich kaum. Bei Teleskopen unter 5 Zoll Öffnung reichen die Beobachtungsbedingungen aber nicht für die Auflösung von Randsternen. Ab 6 Zoll Öffnung lassen sie sich gut beobachten.

Galaxien
Die Problemobjekte. Hier stösst der Balkonastronom an seine Grenzen. Wieder kann der Skyglow Filter nur zur Verschönerung des Streulicht-Hintergrundes eingesetzt werden. Nebelfilter wirken nicht.

M31 Andromedagalaxie
Sie ist eigentlich nicht zu übersehen. Das helle Zentrum lässt sich immer erkennen, je nach Bedingungen ändert sich die sichtbare Ausdehnung. Staubstreifen werden vom Streulicht überstrahlt. Der enge Nachbar M32 ist nicht von den Vordergrundsternen zu unterscheiden, die andere Begleitgalaxie M110 lässt sich aber immer gut ausmachen.

M51
Die zwei Zentren lassen sich erkennen, keine Chance auf Spiralarme

Wie man sieht, bieten sich trotz Stadtlicht durchaus genügend Beobachtungsziele, und die Liste kann noch deutlich erweitert werden. Kleine Teleskope stossen aber an ihre Grenzen, werden sich mit den hier aufgeführten Objekten begnügen müssen. Mit 8 Zoll Öffnung bietet aber auch der Stadthimmel Stoff für 2-3 Stunden Beobachtung. Insbesondere planetarische Nebel lassen sich dann sehr gut mit dem OIII-Filter beobachten.

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