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Augenabstand gegen Feld bei 17mm Brennweite
Das Explore Scientific LER 92° im Vergleich mit dem Televue Ethos

LER 17mm und Ethos 17mm

Im Weihnachtsgeschäft 2015 kündigte Explore Scientific erstmals seine neuen 92° LER-Okulare an. Ab Anfang 2016 war das 17 mm lieferbar, während man auf das 12 mm noch einige Wochen warten musste. Die Besonderheit bei beiden Okularen ist der Augenabstand von 22 mm bzw. 19,9 mm.[2] Bislang war für Brillenträger bei 82° scheinbarem Gesichtsfeld mit dem Nagler Typ 4 das Ende der Fahnenstange erreicht - jedenfalls was den Mainstream-Markt betrifft.
Die große Frage, die sich quasi mit Erscheinen der Okulare stellte, war ob und welche Nachteile man für den angenehmen Einblick gegenüber den bereits etablierten 100° Okularen, insbesondere den Televue Ethos, in Kauf nehmen müsste. Grund genug für einen direkten Vergleich zwischen 17 mm LER und 17 mm Ethos.

Man hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass 100° Okulare groß ausfallen. Das 17 mm Ethos ist da mit maximal 64 mm Durchmesser noch einer der schlankeren Vertreter, aber mit umgeklappter Augenmuschel genau 150 mm lang. Verstaut man es mit Televues original Kappen, so streckt es sich auf 168 mm. Das liegt an den typischen Televue-Kappen, die zwei gegenüberliegende Ränder haben: Einmal im Durchmesser für die Augenmuschel passend (ca. 48,5 mm) und einmal für die zwei Zoll Steckhülse  (ca. 50,5 mm). Das hat zwar den Vorteil, dass jede Kappe auf jedes Okularende passt, aber neben dem nochmals größeren Packmaß auch den Nachteil, dass die Kappen keine „saubere Seite“ haben. Für meine Okularaufbewahrung war es nun mindestens einen Zentimeter zu lang, so dass ich für den Testzeitraum zwei normale Kappen passend heraussuchen musste.

Teleskopseitige Linsen und Steckhülsen
Beim Ethos ist die Vergütung unauffälliger, weil die Linse tiefer liegt.
Wer genau schaut, findet die Herkunftsländer beider Okulare.

Man könnte sich die Beschreibung der Verarbeitung ersparen, indem man schlicht von Televue-Qualität spricht. Das bedeutet eine gut lesbare, grün eingravierte Beschriftung auf schwarzer Harteloxierung. Die Gummiarmierung ist mit 15 mm nicht besonders breit, aber es gibt auch kein Problem bei der Handhabung. Augenseitig findet sich die übliche, umklappbare Augenmuschel aus auch bei Kälte weichem Silikongummi in der Televue Standardgröße, die nämlich zur Aufnahme der Dioptrx Korrektoren dient und Beobachtern mit Hornhautverkrümmung so die Brille erspart. An der zwei Zoll Steckhülse findet sich die teleskopseitige Kante leicht angeschrägt, um ein Hakeln in Klemmringen zu vermindern. Die Linsen sind ordentlich vergütet und auch bezüglich der Schwärzung des Okularinneren und der Linsenkanten sind keine Mängel festzustellen. Natürlich sind alle Glas-Luftflächen mit einer Mehrschicht-Vergütung versehen. Das ist für Televue allerdings so selbstverständlich, dass es nicht noch extra auf dem Okular stehen muss - die Angabe findet sich neben anderen nützlichen Angaben und Abmessungen in der Tabelle „Eyepiece Specifications“[3] auf deren englischsprachiger Webpräsenz. Allerdings, die 2007 eingeführte Ethos Reihe ist nun eine Dekade alt, und noch immer konnte sich Televue nicht entschließen, Angaben zur Anzahl der verwendeten Linsen und Gruppen in diese Liste einzupflegen. Bislang hat niemand der Ansicht widersprochen, dass es beim 13 mm Ethos 9 Linsen in 5 Gruppen sind. Das darf man auch für das 17 mm annehmen. Die wiegen dann insgesamt, mit allem drum und dran 730 g - für sich betrachtet viel, aber wie schon erwähnt, ist das 17 mm Ethos noch ein schlanker Vertreter unter den 100° Okularen. Hergestellt wird es übrigens in „Taiwan R.O.C.“, wie eine feine Gravierung, beinah versteckt im schwarz eloxierten Aluminium verrät.

Vergütung der Augenlinsen, LER links, Ethos rechts.
Beide Okulare weisen ordentliche Vergütungen auf. Die Augenlinse des LER (links) ist auffällig groß.

Nimmt man sich nach dieser Betrachtung das „Explore Scientific 17 mm LER 92° Series“ zur Hand, so scheint das Okular um dasselbe wuchtiger und schwerer, wie die exakte Benennung länger ist. Nur die Länge ist vergleichbar, 154 mm sind es mit Kappen und da es sich um ganz normale Kappen handelt, sind es ohne diese noch 148 mm bei umgeklappter Augenmuschel. Mit 73 mm größtem Durchmesser ist es allerdings bauchig jenseits aller Bino-Ambitionen und das Gewicht wird mit 1180 g nur von wenigen Okularen übertroffen. Es stammt hauptsächlich von den 8 Linsen in 6 Gruppen. Die Verarbeitungsqualität steht der von Televue nicht nach. Die Okularbrennweite ist angenehm groß in das ansonsten schwarz eloxierte Gehäuse eingelasert. Eine zwar dauerhafte Beschriftung, allerdings neigt die dadurch aufgerauhte Aluminiumoberfläche dazu, mit der Zeit etwas bräunlich zu werden. Explore Scientific schreibt dann auch noch ein paar Verkaufsargumente mit dazu. Da wird auf die sogenannte EMD Vergütung hingewiesen, eine durchaus vertrauenerweckende Vergütung auf allen Glas-Luft-Flächen. Es ist heute üblich, der verwendeten Vergütung durch eine Marketing-Bezeichnung einen hochwertigen Touch zu geben, aber ansonsten dazu keine Spezifikationen abzuliefern. Die Schwärzung des Okularinneren und der Linsenkanten ist jedenfalls vorbildlich ausgeführt.
Wasserfest soll das Okular auch sein, zumindest auch, damit die Argon-Füllung gegen Feuchtigkeit und somit Beschlagen von innen, aber wohl auch gegen Befall mit Optikpilz, lange im Okular verbleibt. Ebenfalls eingraviert ist aber auch die bei Explore Scientific übliche Seriennummer, die sich aus scheinbarem Gesichtsfeld, Brennweite und einer fortlaufenden Nummer zusammensetzt. Mein Exemplar mit der Nummer 921700002 outet sich damit als Vorserienexemplar - allerdings ohne dass ich zu dem Serienexemplar mit der Nummer 921700073 beim durch- oder draufsehen einen Unterschied hätte bemerken können. Generell ist eine Seriennummer kein schlechter Gedanke und zum Beispiel auf Foto-Objektiven längst Standard. Auf der zwei Zoll Steckhülse ist das Herkunftsland China eingraviert und anstelle einer Sicherungsnut verjüngt sich die Steckhülse sanft, beginnend 12 mm vor der Auflagekante, was ein Verhaken bei Klemmringen unmöglich macht.
Die 25 mm breite Gummiarmierung ist dem Gewicht des Okulars angemessen und auch dieses Okular hat eine umklappbare Augenmuschel aus weichem Silikongummi. Auf den ersten Blick ist sie riesig mit bis zu 70 mm Durchmesser - was aber für eine 42 mm Augenlinse wirklich nicht zu wenig ist. Der üppige Augenabstand von 22 mm macht dies nötig, womit wir beim Vergleich der Inneren Werte beider Okulare wären.

Blick ins Okularinnere auf die Schwärzung. LER links, Ethos rechts.
Keine Schwärzungsprobleme: LER 92° (links) und Ethos (rechts) sehen vorbildlich aus.

Beide Kandidaten haben 17 mm Brennweite. Laut Televue hat das Ethos 29,6 mm Feldblende, also ein echtes 2“ Okular, da maximal 28 mm Feldblende in 1,25“ denkbar wären. Beim LER 92° sind es hingegen 27,4 mm. Schaut man auf die teleskopseitigen Linsen, bei beiden Okularen eine Negativ-Gruppe, also mit einer Wirkung ähnlich einer Barlow, so findet man auch beim LER einen mit 32 mm Durchmesser schon eindeutig nicht mehr in 1,25“ passenden Linsendurchmesser. Mit 31 mm ist diese Linse beim Ethos nur geringfügig kleiner. Nachgerechnet verzeichnet das Ethos etwas stärker, beide Okulare sind aber bezüglich des Globus- oder Bullaugeneffekts eher unauffällig. Beim Augenabstand unterscheiden sie sich deutlich: 15 mm für das Ethos sind ohne Brille sehr angenehm und ermöglichen einen angenehmen Überblick über 100° scheinbares Gesichtsfeld. Das ist aber gar kein Vergleich zu 22 mm Augenabstand beim LER, das wirklich 92° scheinbares Gesichtsfeld mit Brille und bei umgeklappter Augenmuschel zugänglich macht. Tatsächlich ist es so, dass manch eine Brille mit eher rechteckigen Gläsern diese 92° gar nicht in der Senkrechten liefert - wer dann über den Brillenrand hinweg das - ohne Brille unscharfe - Feld betrachtet, wird eben feststellen, dass man an der Brille vorbei immer noch Einblick ins Okular hat. Dieses Einblickverhalten ist wirklich einzigartig gut und der Gedanke liegt nahe, das LER als „Besucherokular“ für Sternwarten zu empfehlen.
Vergleicht man den Einblick der beiden Okulare mit und ohne Brille, so empfinde ich die Augenmuschel des LER als perfekt an beide Fälle angepasst. Die weiche Augenmuschel verlängert sich durch aufstellen um 11 mm. Beim Ethos sind es nur 7 mm, was dazu führt, dass ich mich ohne Brille etwas gegen die Augenmuschel lehnen muss, um den Feldblendenrand bei in die Mitte gerichtetem Blick wahrzunehmen - daher klappe ich bei der Beobachtung ohne Brille die Augenmuschel des Ethos stets herunter, wenn es die Umgebungshelligkeit zulässt. Übrigens kann ich auch beim Ethos das volle Feld mit Brille überblicken, allerdings muss ich meine Brille schon spürbar aufdrücken und durch den leicht schrägen Einblick entgeht mir ein Hauch des Bildrands auf der Seite zur Nase hin. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Kappen beider Okulare gut auf die umgeklappte Augenmuschel passen, allerdings muss man sich beim LER etwas mit dem Drücken zurückhalten, sonst sitzt sie unangenehm fest auf dem geriffelten Silikongummi.
Bliebe noch ein theoretischer Wert einzuwerfen. Inzwischen sind mehrere Ethos-Brennweiten von verschiedenen Sternfreunden vermessen worden. Für 432 nm soll das Ethos dabei um 92% Transmission haben.[1] Definitiv kein schlechter Wert angesichts der inoffiziellen Linsenzahl. Moderne Vergütungen und Glassorten machen es eben möglich.

Damit kann ich zur Praxis überleiten. Der erste Direktvergleich zwischen Ethos und 92° LER fand an einem 130/650 Newton statt. Eher zufällig war der Mond das erste Beobachtungsobjekt. Mit nominell 38,5-facher Vergrößerung und knapp 3,4 mm AP ist der Mond nicht nur klein, sondern auch grell. Interessant aber, dass beide Okulare mit dieser Extremsituation hervorragend zurecht kamen. Der Himmelshintergrund blieb erfreulich dunkel und der Kontrast der Mondstrukturen im Bereich der Rimae Triesnecker wurde kaum durch Streulicht herabgesetzt. Das Bild des Ethos erschien hier etwas wärmer und somit leicht ocker, während das LER einen kühlen grünblau Ton einbrachte. Das LER erweckt dabei stets den Eindruck einer etwas stärkeren Vergrößerung - allerdings ist bekannt, dass die leicht unterschiedlichen scheinbaren Gesichtsfeldgrößen genau diesen Eindruck als eine Art optischer Illusion erzeugen können. Messtechnik, um dies zu klären, habe ich nicht.

Vergütung der teleskopseitigen Linsen. LER links, Ethos rechts.
Die teleskopseitigen Linsen (LER links, Ethos rechts) sind fast gleich groß.

Bei den folgenden Beobachtungen lagen Ethos und LER 92° stets sehr dicht beieinander. Hier wäre insbesondere eine Beobachtung an M 5 mit einem 12,5“ f/4,5 Dobson bemerkenswert. Es zeigte sich, dass die Fokussierung mit dem Ethos einerseits schwieriger war, dass dann aber andererseits die Randsterne etwas ruhiger wirkten, als im LER. Dennoch ergab sich kein Größenklassenvorteil für eines der beiden Okulare. Überhaupt fiel dies nur bei sehr sorgfältiger Fokussierung auf, während man auf die Schnelle fokussiert eher einen Punkt findet, bei dem das LER dann die bessere Randabbildung zeigt. Hier sollte man dem Ethos unbedingt die nötige Sorgfalt gönnen. Überhaupt ist beim Fokussieren grundsätzlich auf die richtige Positionierung des Auges zu achten, da durch die Wimpern und die Iris sofort Lichtausbrüche entstehen, wenn diese in die Strahlenbündel gelangen. Da beim Blick zum Rand der Augapfel rollt, muss eine gewisse Ausgleichsbewegung gemacht werden - was beim erfahrenen Beobachter oft intuitiv geschieht. Weniger erfahrene Beobachter blicken andererseits ohnehin mehr in die Bildmitte. Wer exakt auf den Rand schaut, wird bei beiden Okularen ein leichtes nachlassen der Abbildung zum Rand hin feststellen, was bei beiden Okularen auch noch nachfokussiert werden kann. Für eine beinah perfekte Randabbildung mit einem Newton benötigen beide einen hochwertigen Komakorrektor und beide sprechen mit dem Komakorrektor vor allem auch auf die verbesserte Bildfeldebnung an.
Bei Beobachtungen im Hochschwarzwald auf ca. 1000 m Meereshöhe - wieder mit dem 12,5“ f/4,5 Dobson - kamen Zirrus-Komplex, Crescent-Nebel und M 31 nebst Begleitern ins Bild. Ziel war es insbesondere nach Details zu suchen, die in einem der beiden Okulare schwieriger oder schwächer erkennbar sein könnten. Dies gestaltete sich als ausgesprochen schwierig, allerdings war beim Crescent-Nebel eine Art „eingewöhnung“ ins Bild des Ethos nötig - hier entstand beim ersten Okulartausch der Eindruck, dass Strukturen im Inneren der Sichel weniger gut wahrnehmbar waren. Aber bei den weiteren Okularwechseln ließ sich dies absolut nicht verifizieren und das Objekt zeigte definitiv mit beiden Kontrahenten dieselben Strukturen, egal ob hier mit Astronomik UHC oder Baader OIII sowie dem Explore Scientific LER gefiltert wurde. Beim Zirrus-Komplex wiederum schien die Knochenhand im Ethos um eine Nuance härter gezeichnet, was sich dann wieder ab dem zweiten Okularwechsel verlor. Auch die Beobachtung der Andromedagalaxie mit ihren Begleitern M 32 und M 110 brachte keinem der beiden Okulare einen zu bescheinigenden Vorteil.
Das blieb auch so bei weiteren Beobachtungen am 18“ f/4,5 Dobson. Hier war vor allem die Sombrerogalaxie Ziel einer Intensivbeobachtung. Die Okulare wurden dabei vom Explore Scientific HRCC Komakorrektor unterstützt. Ein horizontnah etwas aufgehellter Himmelshintergrund wirkte dann im LER tatsächlich etwas bläulich, während er im Ethos eher neutral erschien. Ein gerade noch erkennbarer Stern dicht bei der Galaxie schien mit dem LER einfacher zu halten, was aber dadurch relativiert werden muss, dass hier das Ethos zuerst an den Start kam, und der Stern überhaupt erst einmal ins indirekte blickende Auge kommen musste. An den Strukturen der Sombrerogalaxie, insbesondere an der subtilen Helligkeit jenseits des Staubbandes, ließ sich wieder kein Sieger ermitteln - oder vielmehr sollte man wirklich dahin kommen, dass hier erfreulicherweise beide Okulare Siegertypen sind.

Größenvergleich und Blick ins Okularinnere.
Aus dieser Perspektive lässt der Größenvergleich ahnen, wie der Gewichtsvergleich ausfallen wird. (LER links, Ethos rechts)

Was also zum Fazit führt, dass hier zwei ausgesprochen hochwertige Ultraweitwinkel an den Start kamen. Die optische Leistung von Ethos und 92° LER ist wirklich ebenbürtig und somit sind besonders die unterschiedlichen „Randdaten“ von Interesse. Um 8° weniger scheinbares Gesichtsfeld und somit 2,2 mm weniger Feldblendendurchmesser kontert das 92° LER mit einem extrem angenehmen Einblickverhalten. Allerdings fällt das Gewicht des LER ausgesprochen schwer in die Waagschale. Das wird an vielen Dobson-Teleskopen nicht leicht zu kompensieren sein. Wer allerdings durch Hornhautverkrümmung zum Tragen der Brille gezwungen wird, sollte den Spacewalk-Effekt mit nun brillentauglichen 92° darum nicht verpassen und lieber schauen, wo sich am Dobson noch etwas Gegengewicht anbringen lässt. Kommt man ohne Brille aus und ist das Einblickverhalten typischer 100° Okulare gewöhnt, so wird man sich volle 100° mit dem Ethos einfach gönnen. Jedenfalls wenn man den Preisvergleich* übersteht. Der fällt ausgesprochen heftig aus, denn für das 17 mm Ethos sind um 800 Euro fällig, während das 92° LER mit um 440 Euro etwas mehr als die Hälfte kostet. Somit stehen beide Okulare eher im oberen Preissegment, während inzwischen 100° mit ähnlicher Brennweite von günstigeren Anbietern schon unter 250 Euro anzutreffen sind. Vergleichsbeobachtungen zwischen dem 17mm LER und dem 20mm HDC zeigen aber auch, dass das LER seinen Preis durchaus rechtfertigt.

*) Preisniveau 8/2017

[1] http://www.astrotreff.de/topic.asp?ARCHIVE=true&TOPIC_ID=142814
[2] https://www.explorescientific.de/out/media/231016e6c7a96e3eccf38af696aeaf89.pdf
[3] Televue Eyepiece Specifications

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