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Systembedingte Einschätzung eines 127/820 Luftspalt Achromaten (FH)

Bei der oft hörbaren Kritik an diesem Gerätetyp geht es vor allem um Kritik an systembedingten Fehlern, also nicht um irgendwelche Fehler an Verarbeitung oder Konstruktiom. Systembedingt ist nun bei einem solchen Achromat zweierlei im Vordergrund zu sehen: An erster Stelle der sogenannte Farblängsfehler, der bewirkt, daß rotes und blaues Licht nicht mit grünem und gelbgrünem (beim modernen Kurz-Achromat) in denselben Fokus fällt. Ein "normal" scharfgestellter Stern besteht also aus einem scharfen Bild in gelb-grün überlagert mit einem unscharfen Bild in rot und einem kräftig unscharfen Bild in violett-blau. Der Volksmund sagt dazu Farbfehler. Weiterhin ist der Achromat bezüglich des Öffnungsfehlers nur auf seiner Hauptwellenlänge perfekt korrigiert (bei modernen Kurz-Achromaten meines Wissens 560nm). Dieser Fehler geht bei ungefilterter Beobachtung aber unter und fällt nur auf, wenn man abseits der Hauptwellenlänge mit einem engbandigen Filter beobachtet (zum Beispiel H-Alpha). Mit einem solchen Filter wird dann automatisch anders fokussiert, um eben den roten Fokus zu treffen. Hier erhält man dann aber durch den Öffnungsfehler einen Kontrastverlust, ein Stern wird nicht mehr ganz scharf - sphärische Aberration. Das sind also die beiden konstruktionsbedingten Schwächen des Systems "kurzer Achromat".

Diese Fehler sollten differenziert betrachtet werden. Dazu sollte man die beschriebenen Probleme im Zusammenhang mit einem bestimmten Beobachtungsziel diskutieren.

Viele Sternfreunde, darunter ich selbst, sind der Meinung, daß ein kurzer Achromat für die Jupiterbeobachtung eher ungeeignet ist.
Das lässt sich darin begründen, daß die "Farbgebung" des Jupiters in Pastelltönen vor allem im blauen Bereich Kontrastunterschiede hat. Der Farbunterschied zwischen den ockerfarbenen Bändern und den weissen Bändern besteht in einer unterschiedlichen Blau-Intensität. Bei der Beobachtung mit einem kurzen Achromat wird allerdings blau erheblich defokussiert, also unscharf abgebildet. Das heisst aus den weissen Bändern strahlt unscharfes Blau in die ockerfarbenen Bereiche und verwischt so den Übergang zwischen den Bändern, was feine Details mit schwachem Helligkeitsunterschied unbeobachtbar macht.
Man kann also für die Jupiterbeobachtung festhalten, daß das optische System hier erhebliche Nachteile hat, und also von einem Fehlgriff sprechen, wenn ein kurzer Achromat allein zur Jupiterbeobachtung angeschafft würde.

Auch bei der Mondbeobachtung gibt es Kritik. Der Farbfehler kann zwar die harten Kontraste zwischen Licht und Schatten kaum beeinflussen, aber er bewirkt zum Beispiel, daß kleinste Mondkrater z.B. im Mare Crisium bei entsprechender Mondphase nicht als schwarze Nadelpunkte, sondern "nur" als bläuliche Punkte im Bild erscheinen. Das stört nun mehr unter ästhetischen Gesichtspunkten. Der Einsatz eines Grün- oder Gelbfilters kann diese Effekt ausschalten, jedoch ist ein giftgrüner oder quittengelber Mond wieder aus ästhetischen Gründen eher unbeliebt.
Für die Beobachtung von feinen Sonnenflecken (mit Filter natürlich) gilt dasselbe. Man "erleidet" entweder blaue Sonnenflecken oder man greift z.B. zum Solar Continuum Filter und bekommt die Sonne in grün serviert.
Man ist in diesem Falle von einem Idealteleskop weit entfernt.

Wo wir bei der Sonnenbeobachtung sind, sprechen wir doch einmal über die H-Alpha-Beobachtung. Man wird sich zwar für einen 5-Zöller kaum einen H-Alpha-Filter für die volle Öffnung anschaffen, aber viele Sternfreunde nutzen ja schon Lösungen mit Energieschutzfilter bei voller Öffnung und den eigentlichen H-Alpha-Filtern dann in Okularnähe. Wer nun einige tausend Euro in derartige Filter investiert, der wird warscheinlich nicht mit einem Teleskop zufrieden sein, welches im H-Alpha-Licht wegen des Öffnungsfehlers nicht die volle Leistung bringt.
Man hat also für H-Alpha-Beobachtung (und auch für Calzium-Filter) keine optimale Anschaffung getätigt.

Schauen wir uns weitere Beobachtungsziele an. Mars zum Beispiel wird ohnehin meist mit Orange- und Rotfiltern beobachtet. Hier stört der Farbfehler nicht, er wird recht schmerzlos ausgeblendet. Nur der blaue Atmosphärenschimmer wird ebenfalls ausgeblendet. Man hält aber ein für Marsbeobachtung ganz passables Gerät in den Händen.

Saturn zeigt sich bei "niedrigen Ansprüchen" als vom Farbfehler relativ unbeeindrucktes Objekt. Die geringe Flächenhelligkeit lässt natürlich auch den Farbfehler dunkel werden. Planetenscheibe und Ring haben harte Kontraste, die ein leichter Blausaum kaum stört. Auch die Bauchbinde wird sich wenig daran stören. Was aber mit Beobachtern, die den Anspruch haben, den C-Ring zu erkennen? Der C Ring ist der sehr schwache, nach Innen schwächer werdende Ring innerhalb des B-Ringes. Wenn hier ein Blausaum des hellen B-Ringes in den C-Ring hinein ragt, so wird der C-Ring vom Blausaum überlagert und die Erkennbarkeit gestört.
Auch hier darf man also nur von einem brauchbaren Gerät sprechen, nicht aber von einem Spezialgerät.

Bei Venus und Merkur ist der Farbfehler eher nur ästhetisch störend, also kommt man wieder auf ein brauchbares Gerät. Für Uranus und Neptun gilt ähnliches, wobei gerade Neptun so dunkel ist, daß der Farbfehler wohl kaum wahrgenommen wird.

Bleibt also die Deepsky-Beobachtung. Stört hier der Farbfehler? Meist nicht. Emissionsnebel werden meist bei niedriger Vergrößerung beobachtet und das Auge nimmt sie eh nur im Bereich um grün herum gut wahr, also Licht im Bereich der OIII- und H-Beta-Linien. Da wird ein Farbfehler nicht auffallen oder beim Fehlen von entsprechend kurzwelligen Emissionslinien ist gar keiner vorhanden. Nebel die man hoch vergrößert sind eher planetarische Nebel, deren visuelle Hauptwellenlänge OIII ist, was gut fokussiert wird. H-Beta ist bei PNs um ein vielfaches schwächer (zumindest visuell beobachtet).
Sternhaufen erleiden natürlich wieder leichte Nachteile durch den Farbfehler, wenn sie hoch vergrößert werden müssen - sprich Kugelsternhaufen. Hier gibt es im Zentrum einen Kontrastverlust, während die Randsterne kaum betroffen sind. Im Zentrum aber verschmilzt das blaue Licht zu einer Fläche, nur die grünen Sternpunkte heben sich ab, wenn sie kräftig genug sind. Man erkennt also im Zentrum weniger Einzelsterne.
Galaxien sind für gewöhnlich zu schwach um den Farbfehler zu sehen und ausserdem in ihren Strukturen so diffus, daß ein Farbfehler untergeht.
Man hat also ein Gerät in den Händen, das für Deepsky-Beobachtung bei schwacher Vergrößerung sehr gut geeignet ist, bei hoher Vergrößerung aber an einigen Objekten nicht ideal ist.

So sind wir denn also beim Betrachten der einzelnen Disziplinen (Doppelsterne habe ich mal ausgelassen) dahin gekommen, das Gerät als am besten für Deepsky geeignet einzuschätzen. Deepsky bei schwacher Vergrößerung ist optimal - daher auch der frühere Begriff "Comet Catcher" für diese Geräte.
Aber OHA! Beim Begriff "Comet-Catcher" fällt auf, daß so ein Komet durchaus mal ein sehr ausgedehntes Objekt (mit Schweif) sein kann. Reichen denn da die 2,5 bis 3° wahrer Himmel, die sich mit 800mm Brennweite und 2" Zubehör erzielen lassen aus? Als ich vor 15 Jahren mal einen "Comet Catcher" kennenlernte, da handelte es sich um ein Gerät mit 300mm Brennweite und (ich glaube) 70mm Öffnung. Also auch hier eine kleine Einschränkung.

Jetzt fragt sich der Leser natürlich unwillkürlich, warum denn der kurze Achromat nicht als Deepsky-Teleskop empfohlen wird (es wird ja stets auf der Planetenleistung herumgeritten). Tjaaa... ob kurzer oder langer Achromat, für die Deepsky-Beobachtung zählt an erster Stelle die Öffnung (sagen wir mal wir können dabei von einer Mindestqualität der Optik ausgehen). Und für 5 Zoll Öffnung ist auch ein kurzer Achromat noch ziemlich teuer, teurer als Alternative Geräte.

Fasse ich das alles zusammen, dann würde ich sagen, man bekommt in einem kurzen Achromaten einen recht eingeschränkten Allrounder, zu dessen Fähigkeiten aber der Preis nicht unbedingt passt.

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